Muss das sein? Medienerziehung im Kindergarten und Grundschule

Das Funkkolleg Medien hat am vergangenen Samstag die Sendung „Kindergarten 2.0 – Medienerziehung für die Jüngsten?“ online gestellt. Leider bin ich wieder etwas verspätet zum Hören gekommen, aber interessant ist es alle mal.

So stellt die Sendung von Karin Fuhrmann die Experten Erziehungswissenschaftler Norbert Neuss und Hirnforscher Manfred Spitzer gegenüber. Zwei kontroverse Meinungen. Spitzer, der gegen jegliche moderne Medienerziehung und des Einsatzes von Computern und Internet im Kindergarten- und Grundschulalter ist und der Gießener Erziehungswissenschaftler Norbert Neuss, der sagt, dass Medienerziehung auch schon im Kindergartenalter sinnvoll sein kann, wenn sie wohl dosiert und kontrolliert eingesetzt wird. Als Praxisbeispiel nennt das Funkkolleg einen Frankfurter Kindergarten, in dem Medienarbeit und Medienerziehung zum Alltag gehört und diesen bereichert durch Trickfilmproduktionen, Sing-AG mit Mikro und Mischpult oder auch einem eigenen Kinder-PC. Dieser darf in Abstimmung mit den ErzieherInnen und in Begleitung eines Erziehers/einer Erzieherin und unter Einhaltung bestimmter Regeln und Zeiten genutzt werden für kleinere Spiele oder  spielerische Übungen.

Spitzer will eine reine Erziehung von Kopf-Herz-Hand. Eine Aneignung über den Computer ist oberflächlich und führt dazu, dass wir später ebenfalls oberflächlich lernen und die Gefahr stetig wächst der Computer- und/oder Internetsucht zu verfallen.

Norbert Neuss hingegen meint, dass sich Medienerziehung und Kopf-Herz-Hand-Erziehung nicht ausschließen, sondern sinnvoll isch ergänzen, um ganzheitlich zu lernen und auf das Leben vorzubereiten. Wer Kopf-Herz-Hand-Erziehung als die alleinige ansieht, müsste alle Schulen schließen, weil dort nur seltenst Lerngegenstände begreiflich per Hand sind und vielmehr kognitiv die Inhalte vermittelt werden. „Auf diese Idee käme aber keiner.“

Eine sinnvolle Medienerziehung zeigt das Praxisbeispiel auf: Medienerziehung durch Trickfilm. So zeigt ein Erzieher auf, dass die Kinder in Zusammenarbeit ihren Erziehern und Erzieherinnen ihren eigenen Trickfilm erstellt haben, dabei verschiedene Techniken wie Bluescreen, Vertonung, Schneidetechniken und Kameratricks kennen lernten und auf diesem Wege den Kindern begreiflich vermittelt wurde, dass die Superhelden des TVs in Wahrheit gar nicht fliegen können und auch keine Wände hoch klettern können, sondern es eine Trick der Filmemacher ist. Medien verstehen lernen und begreifen wie Medien entstehen, um diese Einordnen zu können. Teilhaben lassen am Entstehungsprozess von Medien ist auch Medienerziehung und vermittelt wichtige Kompetenzen für den Umgang mit Medien.

Und ehrlich wo genau ist der Unterschied, ob ich aus einem Buch lerne oder am Tablet-PC mir das Buch anschaue? Okay, ich kann das Tablet nicht direkt so in der Hand halten wie ein Buch und auch nicht eigenständig mit der Hand die Seite umblättern, aber es bleibt dennoch ein Erfassen bei beidem auf dem zweikanaligen Weg. Und laut Neuss können das Kinder bereits ab einem Alter von ca. 2 Jahren, dann wenn sich das Sprachvermögen entwickelt hat und sie so die Fähigkeit der Symboldeutung erlangt haben. Warum also nicht mal (!) den Tablet-PC oder Ebook-Reader einsetzen, um vielleicht ein größeres Angebot bereitstellen zu können und themenspezifische Bücher anbieten zu können, die ansonsten eventuell in der Einrichtung nicht vorhanden sind oder auch nicht beschafft werden können.

Neuss gibt auch an, dass neuere Medien wie der PC und das Internet Möglichkeiten bieten Themen intensiver zu lehren und auch nachzubereiten. So entsteht zum Beispiel beim Waldspaziergang das Interesse der Kinder zu wissen wie es in einem Ameisenhügel zu geht, doch wohlweislich verbieten die Erzieher hier den Kindern den Ameisenhügel anzufassen. Vielmehr kann man hier entweder ein Buch nehmen und es ihnen erklären wie der Ameisenhügel von innen aufgebaut ist oder man greift auf einem Film zurück, der entweder ausgeliehen werden kann oder schaut sich im Internet mittels des PCs und evtl. eines Beamers einen Vodcast (Trickfilm) z. B. vom Peter Lustig an. Gerade das Internet bietet naturwissenschaftlich begeisterten Kindern auch schon eine Fülle an gut aufbereitetes Material, um neues zu entdecken.

Aber ! dennoch sollte die Medienerziehung stets in den Alltag miteingebunden sein und situationsbedingt eingesetzt werden. Das Spielen im Garten und auf dem Spielplatz, kreativ sein mit Pinsel, weißem Blattpapier, Buntstiften und Co. sowie Gesellschaftsspiele, Rollenspiele, Spielen auf dem Bauteppich und vieles mehr, was den Kindergartenalltag auch schon seit Generationen prägt, sollte dabei nicht zu kurz kommen.

Und genau das ist für mich persönlich der springende Punkt! Medienerziehung bedeutet nicht ständig am PC zu sitzen und dauerhaft Spiele zu spielen. Medien sind viel mehr: das Buch, das Blatt Papier mit dem Stift, der Fernseher, der Film als solches, Musik, Computer, Digitalkamera, Handy, Smartphone, Tablet und mehr.
Medienerziehung im Kindergarten, in der Kindertagesstätte ist für mich eher das Kennenlernen unterschiedlicher Medien (Geräte und ihre Produkte) und auch das Ausprobieren und das Kennenlernen der Möglichkeiten. Ist es nicht so, dass viele Kinder heute Handys und PC und auch das TV bereits kennen? Ihre Eltern benutzen es häufig, allerdings auch häufig unreflektiert wie der Funkkollegbeitrag nochmal anspricht. Es fehlt häufig die Reflektion des eigenen Gebrauchs vor den Kindern und innerhalb der eigenen Umwelt. So wird schnell zum Handy gegriffen, um nochmal eben den Mitarbeiter oder den Chef anzurufen oder der PC eingeschaltet, um dort zu arbeiten oder im Netz zu surfen oder zu spielen.

Es kommt doch jetzt erst die Generation, die mit den neueren Medien aufgewachsen ist und nun langsam Eltern werden. Ich selbst gehöre ja schon (fast?) dazu. Vermittelt man den Kindern nicht schon fast automatisch, dass ein Smartphone ein Alleskönner ist: Spielen, Fotos machen, mal eben Oma oder den Freund anrufen oder schnell im Internet das Kochrezept für das Mittagessen heraussuchen? Für Kinder scheint es ein tolles Spielzeug zu sein.

Doch wissen Kinder auch, dass man mit dem PC mehr machen kann als nur spielen? Wissen Kinder und Jugendliche, dass man eine Filmszene ganz anders ist, wenn man statt gruseliger Musik etwas heiteres hinterlegt? Wissen Kinder, dass der Computer ein Werkzeug ist mit dem man Dinge erstellen kann oder ist es nur ein Spielgerät wie jedes andere auch, aber dieses sollen sie nicht benutzen?

Ich möchte, dass meine Kinder wissen was ein Computer kann und was er nicht ist. Nein, er ist kein Spielgerät und kein Wundermittel und man kann böse Dinge damit anstellen, aber man kann auch mit ihm lernen und Hintergründe recherchieren, wenn man weiß wo.

Ich will eine Medienerziehung auch schon im Kindergartenalter. Ein erstes Herantasten. Ein erstes Ausprobieren. Eine erste Vermittlung,  dass es kein reines Spielgerät ist. Ich will, dass der Computer als etwas alltägliches wahrgenommen wird, denn dann verliert er seinen Charme und wird auch als etwas Alltägliches benutzt neben all den anderen schönen Dingen wie spielen, basteln, malen, bauen, toben, matschen, rennen, turnen und den Kontakt zu anderen Kindern, Freunde gewinnen, aber auch verlieren, streiten und versöhnen, aber auch einmal Langeweile aushalten können.
Aber ich will eine ganzheitliche Medienerziehung, dass heißt die Einbeziehung der Eltern in die aktive Medienarbeit sowie das Informieren und Beraten der Eltern im Medienbereich. Sensibilisieren wie man selbst und die Kinder die „neuen“ Medien sehen und was man beachten sollte.
Doch wichtig sollte bleiben, dass der PC oder das Tablet genau wie der Fernseh kein Mittel sein sollte Kinder ruhig zu stellen und sie zu beschäftigen, damit die Eltern etwas anderes machen können. Viel mehr sollte man sich genau wie bei einem Bilderbuch oder einem Brettspiel Zeit nehmen mit den Kindern Computer und Fernseher zu nutzen.

Und noch ein Beispiel aus meiner Praxis: In den vergangenen Wochen habe ich mit einer Gruppe von Fünf- und Sechjährigen eine Hörspiel mit Laptop und Mikro aufgenommen. Dabei stand zuerst das erste Kennenlernen von den Möglichkeiten eines PCs auf dem Plan sowie das Verständnis von Hören und Erfahren wie man die Stimme einsetzen kann. Hier also eher das Medium PCs als Mitteln, um andere Dinge (Hören und Stimme und Sprache) zu vermitteln. Erfreulich ist wie viele Kinder aufgeblüht sind, weil sie in kleinen Gruppen und lobend ermutigt wurden zu sprechen, aber auch wie sie festgestellt haben wie ihre Sprache auf andere wirkt und teils unverständlich ist. Durch das erneute Anhören kamen einige zum Schluss, dass sie es noch einmal aufnehmen wollten, weil man sie ja gar nicht verstehen konnte. Das erreiche ich im normalen Alltag nur selten. Und schnell verlor der PC an sich seine Bedeutung und die Kinder wollten nur ihr Hörspiel und ihre Geschichte erstellen.
Erschreckend eher wie unbeholfen und unsicher die Erzieher und Erzieherinnen im Umgang mit dem PC und dem Beamer waren und erstaunt, welche Möglichkeiten es gibt.

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6 Gedanken zu “Muss das sein? Medienerziehung im Kindergarten und Grundschule

  1. Ich glaube solche Kindergärten sind echte Mangelware. Ich denke auch das es erst was im Elementarbereich frühstens was bringt. Bei den U3 Kindern halte ich das viel zu früh. Klar die erzählen auch schon was sie mal im TV gesehen haben etc. und da sollte man sich ein wenig auskennen, aber Computer und Co sind da ja noch nicht so.

    Und ja Erzieherin kennen sich häufig heute nicht aus. Wie oft musste ich anderen schon Sachen am PC zeigen etc.

    Was du mit dem Hörspiel schreibst finde ich klasse.

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  2. In der U3-Betreuung ist Medienerziehung mit multimedialen Medien tatsächlich wohl eher selten und weniger sinnvoll. Aber ab 3 Jahren kann man sich an Medien herantasten.
    Ich erinnere mich gerade an die Session gestern als mein Schwager mit der Jüngsten mit dem Iphone die Gesichter verzerrte. Auch das ist Medienbildung, in dem man erkennt, dass nicht immer alles echt ist und teils nur Fassade – witzig aufbereitet auch schon für 2 Jährige erkennbar. Aber da braucht es dann den Wiederholungseffekt, um das Wissen zu speichern und zu verarbeiten.
    Ab 3 geht es aber schon. Und gerade mit den Vorschulkindern ab 4/5 Jahren kann man tolle Dinge machen.

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  3. sperling76

    „Ich will, dass der Computer als etwas alltägliches wahrgenommen wird, denn dann verliert er seinen Charme und wird auch als etwas Alltägliches benutzt neben all den anderen schönen Dingen …“

    Das ist eine tolle These. Die Kinder sollten nicht erst in der Schule lernen, dass der PC nicht nur zum Spiele spielen da ist. Das ist Aufgabe der Eltern, die sie durch ihre Begleitung und Vorbildfunktion fördern. Was aber, wenn die Eltern selbst keine Medienkompetenz besitzen?

    Viele Grüße
    Sperling

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    1. @sperling76: Ja, was ist wenn die Eltern keine Medienkompetenz besitzen oder ihnen schlichtweg die Zeit fehlt?
      Gerade die Kindertagesstätten sehen sich zunehmender als Bildungsstätten und nehmen die Aufgabe der Bildung in ihre Programme auf, aber die Medienerziehung gehört leider nach wie vor nur selten dazu. Als Eltern hat man Vorbildcharakter, aber ist das jedem klar? Und wie benutzen die Eltern den PC – zum Spielen oder zum Arbeiten oder als Freizeitvergnügen?
      Die Elterngeneration die jetzt kommt ist schon anders aufgewachsen. Ich bin für meinen Teil gespannt wie es sich entwickeln wird.

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