Unser Kind hat eine Aufmerksamkeitsstörung – Teil bis zum Kindergarten

Es ist gar nicht so leicht darüber zu sprechen. Das Thema ist so wahnsinnig komplex und negativ besetzt, dass es schwierig ist die richtigen Worte zu finden ohne als Rabeneltern oder als überforderte oder nach Geltung suchende Eltern wahrgenommen zu werden. Wir lieben unser Kind so wie es ist. Es ist toll. Perfekt auf seine Art. Und wenn ihr ihn das erste Mal seht, dann nehmt ihr diese ominöse Aufmerksamkeitsstörung auch gar nicht wahr. 

Unser Kind ist ein Junge. Geboren an einem Junitag. Einfach war das nicht, weder für ihn noch für mich noch für seinen Vater. Doch alles ist gut gegangen. Mit 8 Wochen musste er am Magen operiert werden, aber auch das war schnell vergessen. Er war ein ruhiges Baby, aber das waren seine Schwestern auch. Er fing mit 17 Monaten ca anzulaufen und sprach eher zögernd, aber er sprach und man konnte ihn gut verstehen. Alle folgenden Entwicklungsschritte machte er fast schon nach Lehrplan und ich weiß noch, dass ich mit seiner Oma, die Erzieherin ist, darüber fachsimpelte wie gut er in die Tabellen passte. Mi zwei Jahren kam er dann sehr früh in den Kindergarten. Damals war er das jüngste Kind dort – heute undenkbar hier. Zeiten ändern sich eben.

kein typischer Junge

Er ist nicht der typische Junge, der auf Bäume kletterte, laut rumbrüllte und wild spielte. Er ist stiller, etwas abwartender, aber probiert es dann doch aus. Er hat sein eigenes Tempo. Er redete nicht ununterbrochen, aber antwortete immer passend, wenn auch stets kurz. Grammatikalisch übrigens immer korrekt. Für uns war das immer völlig ok. Wir haben uns darauf eingestellt, dass er etwas mehr Zeit brauchte, fanden es aber nicht besorgniserregend. Die Erzieherinnen schon. Sie sprachen direkt nach dem ersten Kindergartenjahr davon, dass er noch so wenig könnte und dringend Frühförderung benötigte, weil er sonst nicht mitkäme. Aber war das wirklich so? Im ersten Moment entschieden wir uns dagegen, weil wir einen ganz anderen Eindruck hatten. Er sprach zuhause, konnte sich super gegen seine Schwester durchsetzen, konnte sich alleine anziehen, auch wenn es etwas länger dauerte und auch schaukeln war kein Problem. Alles Dinge, die er im Kindergarten wohl weniger tat. Dort war man eher überrascht und wohl etwas pikiert, dass der kleine 2,5 Jährige teils besser wusste wo Dinge hingehörten als die Erzieherinnen teils. Er brauchte und liebte Ordnung – aber ist das verwerflich? Wir finden Nein!

Erzieherinnen bestehen auf Frühförderung

Die Erfahrungen oder Befürchtungen der Erzieherinnen stimmten mit unseren nicht überein. Doch auch im nächsten Entwicklungsgespräch kam wir wieder auf die Frühförderung. Er wäre doch sehr auffällig. Mmh? Ich war mir unsicher, besprach mich mit meinem Mann. Was ist zu tun? Klar er lernte gerade „erst“ mit fast 4 Jahren das Fahrradfahren, war aber auf seinem Laufrad sich sehr sicher und gut unterwegs und auch mit dem Cityroller kam er gut klar. Muss man wirklich mit 3 Jahren Fahrrad fahren können? Aber doch ist uns schon aufgefallen, dass er einfach mehr Übungszeit bei allem Motorischen brauchte, besonders im grob motorischen Bereich, als seine große Schwester es damals tat. Hey, aber die war auch mit allem sehr schnell und immer früh dran. Laut Entwicklungtabellen ist unser Junge immer noch im Rahmen. Aber wenn wir uns jetzt jedes Jahr das Gleiche anhören mussten, konnten wir auch einmal losgehen.

Auf zur Frühförderstelle.

Ich kann euch sagen, dass war höchst interessant. Der junge Mann musste so einige Tests machen und am Ende der Testung war die Dame der Frühförderstelle total perplex. Nein, dass Kind brauchte auf gar keinen Fall Frühförderung. Er könnte doch alles, auch wenn er teils etwas langsam war, aber das würde sich im Rahmen halten. Besonders beeindruckt war sie von seinem Zahlengedächtnis bzw seiner Merkfähigkeit. Sie hätte noch nie ein Kind hiersitzen gehabt, welches mehr Zahlen hätte korrekt wiedergeben können. Doch sie sagte auch, dass wir ihn mit etwas Ergotherapie in seiner Motorik unterstützen könnten. So waren alle Seiten wohl zufrieden: Erzieherinnen und Frühförderstelle. Nur die Kinderärztin verstand das nicht ganz, denn auch sie hatte nicht den Eindruck, dass unser Kind wahnsinnig auffällig sei. Tja, was soll ich sagen: ich finde ihn ja auch perfekt wie er ist.

Unser Weg beginnt

Letztlich begann hier unser Weg dann erst so richtig, denn die Ergotherapeutin hatte dann ganz andere Vermutung, die aber wiederum von den Erziehrinnen nur bedingt Unterstützung fanden. Unser Sonnenschein hatte Probleme beim Trocken werden und teils mit seiner Fokussierung/Konzentriertheit etwas zu tun. Das Trocken werden viel auch im Kindergarten auf, doch störte es dort weniger. Die Konzentrationsschwierigkeiten vielen allerdings gar nicht auf, eher war es so, dass von den Erzieherinnen weiterhin das fehlende Verhalten eines „typischen Jungen“ angemerkt wurde. Doch auch zuhause viel jetzt immer mehr auf, dass er noch viel länger für alltägliche Dinge wie z. B. Schuhe anziehen brauchte und das mit dem Trocken werden war hier echt ein Qual. Wir fragen uns immer wieder warum es mal klappte und mal nicht. Es schien eher so zu sein, dass er gar nicht bemerkte, dass er zur Toilette musste und auch nicht, dass er nass war. Aber konnte das sein?

Trocken werden klappt nicht

In Absprache mit der Ergotherapeutin und der Kinderärztin vereinbarten wir einen Termin in einer psychologischen Kinder- und Jugendpraxis  und in der Kindernephrologie. Organisch war das Kind gesund.
Es standen ein Menge Testungen in der psychologischen Kinder- und Jugendpraxis an und herauskam leider nichts Konkretes, sprich keine konkrete Diagnose wie ADS oder Autismus oder etwas anderes.
Die Testungen ergaben, dass er im motorischen Bereich einige Auffälligkeiten hatte, ansonsten aber das Gegenteil von der Vermutung der Erzieherinnen war: er war nicht seiner Entwicklung zurück, sondern eher begabter und weiter als andere Kinder in seinem Alter. Der Psychologe vermutete auch, dass die motorischen Verzögerungen stark mit der Langsamkeit einhergehen und er ansonsten darin auch keinerlei Probleme haben würde.
Diese Vermutung sollte sich in den nächsten Wochen bestätigen, denn innerhalb von 6 Wochen musste unser Kind immer wieder sehr ähnliche Übungen machen. Zuerst beim Psychologen für die Testung, dann bei der Kinderärztin zur Verlängerung der Ergotherapie und dann zur Schuleingangsuntersuchung. Bei letzterer zeigte er dann auch keine Auffälligkeiten mehr und machte die Übungen in einem normalen Tempo und korrekt. Es zeigte sich ein Übungseffekt bei ihm, genau so wie es im weiteren Verlauf die Ergotherapeutin  uns auch bestätigte.

Einschulung und was nun?

Und dann stand die Einschulung vor der Tür. Puh, dass war irgendwie gar nicht so einfach. Wie wird die Grundschule reagieren? Wird es weitere Therapien geben und vor allem auch: was sagt das persönliche/familiäre Umfeld? Das lest ihr im zweiten Teil unser kleinen Serie zur Aufmerksamkeitsstörung unseres Kindes.

Wir möchten euch damit einen kleinen Einblick in unsere Welt geben und zeigen, dass das was ihr vielleicht manchmal bei einem Kind als ungewöhnlich feststellt, vielleicht einen ernsten Hintergrund haben kann. Außerdem möchten wir Betroffenen Mut machen, steckt nicht den Kopf in den Sand, auch wenn es ein langer Weg ist. Es lohnt sich zu kämpfen. Es kostet viel Kraft und eigenes Engagement, aber es ist für die schönste Sache auf der Welt: unsere Kinder.

Advertisements

3 Gedanken zu “Unser Kind hat eine Aufmerksamkeitsstörung – Teil bis zum Kindergarten

  1. Ach herrje, uns wollten sie im Kindergarten immer erzählen dass sie was mit der Hüfte hätte. Unser Kinderarzt war da zum Glück echt entspannt und auch als ich nervös war, weil sie mit 6 nachts nicht wach wurde, wenn sie musste, hat er (und sein Kollege) mich beruhigt, das kommt schon noch. Jeder in seinem Tempo 😘 Lasst euch nicht stressen – unser Arzt meinte immer ich soll auf MEIN Gefühl hören.
    Einen herzlichen Drücker an euch,
    Sylvia

    Gefällt 1 Person

  2. Dem Großen wurde ja auch schon alles mögliche angedichtet. Das ging von Hochsensibilität bis hin zu Hochbegabung und wir sollten doch unbedingt vor der Einschulung einen Psychologen aufsuchen.
    Klar merken wir, dass unser Kind anders auf Dinge reagiert als andere Kinder, aber da kann man sich drauf einstellen und den Allttag etwas anpassen, so wie ihr es tut.
    Leider passt das nicht in die Norm anderer Leute und man muss halt doch irgendwie etwas tun, damit auch andere sich besser darauf einpendeln können.

    Ich bin auf den zweiten Teil des Berichtes gespannt.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s