Vereinbarkeit mit dem Leben

Vereinbarkeit von was eigentlich? Familie und Arbeit? Familie und Studium? Arbeit und Studium? Familie und dem Älterwerden der eigenen Eltern?
Alle reden über Vereinbarkeit, aber was genau bedeutet das eigentlich? Zuallerst geht ist für mich/uns um die Vereinbarkeit von unserem Familienalltag mit dem Leben. Das Leben ist kompliziert und bietet immer wieder neue Herausforderungen, Stolpersteine und ungeahnte Windungen. Das ist nicht einfach, aber wir sehen das als Herausforderung an uns selbst. Vorrangig geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit.

Vereinbarkeit von Familienleben und Arbeit

Als ich vor 13 Jahren zum ersten Mal Mama wurde, war ziemlich schnell für uns klar,  dass ich erst einmal zuhause bleibe. Der Mann hatte einen festen Job, ich nicht. Das angestrebte Studium habe ich hinten angestellt. Betreuungsmöglichkeiten von kleinen Kindern waren rar bis gar nicht vorhanden, es sei denn man hatte genug Geld für eine Tagesmutter (aber die waren auch eher selten). Die Frage nach Fremdbetreuung stellte sich nicht.
Klassische Rollenverteilung: Mann arbeitet, Frau betreut als Hausfrau das Kind.

Vereinbarkeit von Familienalltag, Arbeit und Studium

Kind zwei kam und mein Wunsch nach einem Studium wurde größer. Nur wie die Hausfrauentätigkeit mit einem Studium vereinbaren?
Die Lösung für uns: Fernstudium an der FernUniversität in Hagen. Studieren von zuhause aus, ganz nach meinem eigenen Tempo. Zwei Mal im Jahr zur Klausur in eine größere Stadt fahren und hin und wieder ein Präsenztag in Hagen oder anderswo. Das schien machbar für uns! Und ließ sich auch weiterhin mit der Arbeit des Mannes vereinbaren und mit unserem Haushaltsbudget. Denn sind wir ehrlich: ein Studium kostet Geld und bringt keines hervor.

Vereinbarkeit von Familienalltag, Arbeit, Studium und Dozententätigkeit

Kind drei kam. Wir bauten ein Haus und entschieden uns gegen eine Mietwohnung. Warum? Wohnraum war knapp und teuer. Unsere 75 m² Dachgeschosswohnung zu klein und eine Mietwohnung teurer als ein Eigenheim. Der Wunsch in mir etwas zum Haushaltseinkommen beizutragen kam immer mehr auf. Nur wie ließ sich dieses mit den Kindern, dem Haushalt, dem Studium und dem Job des Mannes vereinbaren? Ich fing an der VHS mit einer Dozententätigkeit an. Die VHS-Kurse legte ich mir in den späten Nachmittag, so konnte der Mann die Kinder betreuen. Das war anstregend und wir mussten uns umstellen, aber es ging. Nur das Studium litt darunter. Es blieb immer weniger Zeit dafür.

Kind drei kam in den Kindergarten. Es brachte Entlastung. Etwas. Doch mit unserem Haushaltsbudget kamen wir immer öfter an unsere Grenzen. Überschritten unseren Dispot. Die Kurse liefen gut an. Anfrage einer weiteren VHS. Ich arbeitete nun mehr. Wir sahen uns weniger. Der Organisationsaufwand nahm zu.

Vereinbarkeit von Familienalltag, Arbeit, Studium, Dozententätigkeit und dem Älterwerden meiner Eltern

Meine Mutter erlitt einen Schlaganfall. Auch wenn ich ihre Pflege nicht übernahm, war das zuerst eine anstrengende Zeit. Arbeit und Dozententätigkeit liefen weiter, denn unser Haushaltsbudget war immer noch klein. Das Studium legte ich aufs Eis. Alles geht eben nicht. Wir setzten Prioritäten. Es war in Ordnung für uns und für eine begrenzte Zeit. Meiner Mutter ging es Stück für Stück etwas besser. Sie bekam einen Pflegeheimplatz und das Leben hier konnte wieder langsam weitergehen. Ein Dreivierteljahr war vergangen. Ich war froh ein Fernstudium mit flexibler Zeiteinteilung angefangen zuhaben, anders wäre es nicht vereinbar gewesen. Doch wer konnte ahnen, dass schon bald ein weiterer Schicksalsschlag bevorstand?

Vereinbarkeit von Familienalltag, Arbeit, Studium, Dozententätigkeit, Krankheit meiner Eltern und Karrierechancen des Mannes

Wir groovten uns wieder ein. Alles lief seinen gewohnten Gang. Das Haushaltsbudget war weiterhin knapp. Ein Urlaub mit allen war leider finanziell nicht machbar. Es wundert also nicht, dass wir nur kurz überlegten als der Mann die Möglichkeit bekam sich im Job zu profilieren. Eine höhere Position stand in Aussicht. Leider würde es bedeutet, dass er für ein halbes Jahr die dreifache Autofahrt bis zur Arbeit hätte und wir ein zweites Auto bräuchten. Wir kalkulierten und wägten ab und entschieden uns für das Experiment. Aus 6 Monaten wurden 9 Monate. Es war anstrengend und zu dieser Zeit bestand das Leben des Mannes fast nur aus Arbeit und Schlaf. Alle ehrenamtlichen Aktivitäten, die ich bis dahin noch machte, sagte ich ab. Die sozialen Kontakten wurde weniger. Und doch blieb im Hinterkopf: es ist nur auf Zeit. es wird sich wieder ändern.

Mein Vater erkrankte an Krebs. Das Leben stand Kopf. Das Studium legte sich von alleine auf Eis. Das Leben ist eben nicht planbar! Leider. Wochen des Hoffens, Wochen voller Traurigkeit, Wochen des Begleitens folgten. Wir redeten viel miteinander. Der Aufmerksamkeit galt in diesen Wochen den Kindern, uns und meinen Eltern. Es galt viel zu regeln. Vollmachten haben wir erstellt, die Betreuung meiner Mutter neu geregelt. Mein Vater starb im April 2016.
Seit dem habe ich einen zweiten (dritten? vierten?) Job: ehrenamtliche Betreuung meiner Mutter. Ich kann es nicht übers Herz bringen sie fremdbetreuen zu lassen. Ich spüre da eine Verantwortung in mir. Und eigentlich dachte ich, dass das auch vereinbar wäre mit Familie, Arbeit, Studium und Dozententätigkeit. Eigentlich, wenn da nicht die finanzielle Situation meiner Mutter gewesen wäre sowie das Betreuungsgericht, das Sozialamt, der Notar und Anwalt, das betreuende Pflegeheim und ein Geldinstitut. Das alles dauert bis heute an und ist hoffentlich bald endlich geregelt, wenn sich die Herren und Damen jetzt endlich mal einigen könnten. Anderen Stellen wie Berufsbetreuern und unterstützenden Institutionen ist der Fall zu komplex (ähm, ja.). Hilfe von außen also nicht gegeben. Und doch auch das ist: auf Zeit. So zumindest die Hoffnung.

Vereinbarkeit des Lebens

Ich bin an meine Grenzen gestoßen. Immer wieder. Das Leben hielt immer wieder Überraschungen für uns bereit. Das macht es leider etwas schwierig mit der Vereinbarkeit von Familienalltag und Arbeiten, Karriere und Studium.
Dieses Leben hat mich gelehrt einen Schritt nach dem anderen zugehen und nicht weit im Voraus zu planen. Wir sind flexibel geworden. Die Kinder größer. Die Lücke zwischen Ausbildung, Abitur und Wiedereinstieg wird auch immer größer. Die Umstände ändern sich. Heute kann ich die Kinder auch schon mal alleine lassen. Das Haushaltsbudget ist immer noch knapp, aber es sieht etwas besser aus als noch vor Jahren (auch wenn der Dispot gerade wieder arg strapaziert wird und wir uns vor vielen Investitionen wie neue Couch und Waschmaschine und Auto fürchten).  Das Studium nähert sich dem Ende. Der Mann ist die Karriereleiter hinaufgeklettert. Ich freue mich darüber. und gönne es ihm. Ich definiere mich neu. Habe mich auf eine Stellenanzeige beworben. Nehme die Aufgaben des Lebens an und doch gibt es da Wünsche an die Politik und Gesellschaft:

Wünsche für die Vereinbarkeit von Familie, Arbeit und dem Leben

  • flexible, bezahlbare Betreuungsmöglichkeiten für Kinder – für jüngere wie auch für ältere
  • flexible Arbeitszeiten mit verständnisvollen Arbeitgebern
  • Möglichkeit des Homeoffice im öffentlichen Dienst (Agentur für Arbeit)
  • Möglichkeiten der Teilzeitarbeit
  • Karrierechancen auch mit Kindern
  • verlässlichere Stundenpläne der Schulen
  • Hilfe in Notsituationen
  • Hilfe bei der ehrenamtlichen, amtlichen Betreuung der eigenen Eltern
  • bezahlbare Pflegeunterbringung im Pflegefall
  • bessere, flächendeckende Palliativmedizin
  • mehr Verständnis seitens der Gesellschaft für Familien und Alleinerziehende (die ich persönlich ja zu den Familien zähle)
  • gerechtes Steuersystem

Querbeet und nicht alle Wünsche sind aus dem obigen Text erklärbar, aber sie sind da! Politik tue endlich etwas und bewege dich. Es kann einfach nicht sein, dass Familien immer mehr in den Hintergrund geraten, sich abrackern und doch auf keinen grünen Zweig kommen.

 

 

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