Mein Kind ist anders – die Elternperspektive

am

Über die sonstige Aufmerksamkeitsstörung, ähnlich ADS/ADHS, unseres Kindes habe ich bereits berichtet. Aber wie ist das eigentlich als Elternteil? Denn nicht nur für das Kind ist eine Andersartigkeit, wie auch immer sie ist, eine Belastung, sondern es kann auch schnell zur Belastung der Eltern und gar der kompletten Familie führen.

Bei Beeinträchtigungen und Störungen wie ADS, ADHS, Autismus, Asperger Syndrom, Hochsensibilität und einige andere ist die Beeinträchtigung nicht von Geburt an klar und deutlich erkennbar. Zudem gibt es zahlreiche Unterformen, Überschneidungen und Spektren besagter Krankheiten. Ja, es sind Krankheiten, ähnlich einer Sehschwäche, nur das sie andere Auswirkungen haben und meist nicht durch das Tragen einer Brille bzw. das Einnehmen eines Medikamentes verbessert oder geheilt werden können.

Mein Kind verhält sich anders

Irgendwann merkt man als Eltern das etwas mit dem eigenen Kind anders ist. Es verhält sich vielleicht ‚komisch‘. Es ist anders wie gleichaltrige Kinder. Bei uns war es zum Beispiel so, dass unser Kind immer sehr langsam in seinen Ausführungen war. Wir hatten ein Gefühl, das uns sagte: das Kind ist anders, ohne das wir es spezifizieren konnten. Wir planten mehr Zeit ein und übten uns in Geduld. Irgendwann sind wir dann doch mit dem Kind zum Arzt. Die ganze Geschichte könnt ihr hier nachlesen.

Motivationstag 1

Was tun, wenn ich einen Verdacht habe

Was ist zu tun, wenn man als Elternteil bemerkt, das das eigene Kind sich anders verhält als die gleichaltrigen Spielkameraden? Der erste Weg sollte zum Kinderarzt führen.  Im Idealfall kennt dieser euer Kind schon von Geburt an und nimmt sich Zeit für einen Gesprächstermin.

Und dann wird es meist schwierig und langwierig. Kind und Eltern brauchen einen langen Atem und gutes Durchhaltevermögen. Nicht jegliche Andersartigkeit, Langsamkeit oder Hibbeligkeit hat eine krankhafte Ursache. Ihr könnt im Vorfeld schon einmal selbst euch und euren Alltag reflektieren:

  • Wie ist unser Tagesverlauf strukturiert?
  • Haben wir klare Regeln im Alltag?
  • Zeigte mein Kind schon immer diese Auffälligkeit oder gab es einen bestimmten Zeitpunkt für die Veränderung?
  • Gibt es bestimmte Situationen, in denen mein Kind anders reagiert?
  • Woran mache ich die Andersartigkeit fest? Könnte es vielleicht auch einfach ein Charakterzug sein? Eine Phase des Älterwerdens?
  • Gibt es ähnliche Verhaltensweisen bei nahen Verwandten?

Die Fachärzte wie Kinder- und Jugendpsychologen und -psychiater und auch die sozialpsychologischen Zentren (SPZ) sind leider sehr überlaufen und man muss sich auf längere Wartezeiten einstellen. Toll ist es, wenn sich dann beim Ersttermin der Arzt Zeit nimmt und viele Fragen stellt, aber auch den Eltern und besonders dem Kind Raum gibt selbst zu erzählen. Ich fande es damals sehr gut, dass der zuständige Psychologe schon beim ersten Termin sagte: „Ich werde sie heute nicht mit einer Dignose nach Hause schicken, sondern wir werden in umfangreichen Diagnostikterminen erst einmal ihr Kind kennenlernen.“

Diagnostik ist wichtig, eine Diagnose nicht immer eindeutig

Natürlich will man als Eltern wissen was mit seinem Kind ist, aber nur eine langsame und gründliche Diagnostik führt in dem großen Feld der psychischen Störungen zu einem (Teil-)Ergebnis. Und wenn ihr Pech habt wie wir, dann bekommt man eben keine eindeutige Diagnose, weil es eben nicht eindeutig ist. Die Problematik besteht dann allerdings darin, dass den Schulen und anderen Institutionen begreiflich zu machen und diese etwas uneindeutige Diagnose dennoch anzuerkennen.

Nach der Diagnose geht der Marathon erst recht los. Die Diagnose alleine macht das Kind nämlich nicht zu einem anderen Kind. Unser ruhiges, verträumtes Kind wird nicht durch ein Medikament oder durch eine Therapie nun zu einem aufbrausenden, lebhaften Rabauken und andersherum eben auch nicht. Die Diagnose erleichtert das Therapieverfahren.

Was fehlt ist Unterstützung ohne langes Betteln

Was mir persönlich wirklich fehlt ist Unterstützung im Alltag.  Momentan sehen wir den zuständigen Psychologen alle 6 Monate zu einem kurzen Gespräch. Mehr nicht. Leider müssen wir uns als Eltern engagieren, wenn wir Hilfe oder weitere Therapien für unser Kind möchten. Niemand zeigt einem dort ist eine Selbsthilfegruppe, hier können sie eine Kur beantragen, dort können sie Hilfe im Alltag beantragen oder die einfache Frage nach einer Unterstützung im Alltag durch z. B. weitere Ergotherapie oder eine Möglichkeit einer Auszeit für die Familie vom Alltag.

Häufig stoßen wir als Familie im Alltag an unsere Grenzen. Ein Kind mit einer psychischen Störung in der Familie zu haben und zu betreuen, ist eine Belastung für die komplette Familie. Es betrifft eben nicht nur das Kind selbst, sondern auch uns Eltern und auch die Geschwisterkinder. Für mich bleibt wenig Zeit im Alltag selbst. Unser Kind braucht eine Betreuung bei seinen Hausaufgaben, die durch sein verlangsamtes Arbeitstempo länger als gewöhnlich dauern. Ein strukturierter Tagesablauf mit festen Regeln ist unabdingbar. Leider aber gar nicht so einfach umsetzbar, denn mit drei Kindern ist ja doch immer etwas anderes Unvorhersehbares. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen, die viel Kraft erfordern. Natürlich sind Auseinandersetzungen mit Kindern normal und doch ist das hier so manches Male eine ganz andere Dimension. Ich denke da auch an andere Störungen und Situationen, die für alle Beteiligten schnell zur Überforderung führen. Konsequenzen soll das Fehlverhalten haben, aber wie diese umsetzen und immer wieder die Frage: Hat das Kind in diesem Moment bewusst gehandelt oder sich von inneren Impulsen steuern lassen?

Schmetterling entdeckt

Unterstützung und Verständns, zwei Wünsche meinerseits

Dann sitzt man da und weiß nicht weiter. Was ist zu tun? Wie kommen wir aus der Situation heraus? Wer kann uns helfen? Fragen, die ich so nicht beantworten kann, denn es geht ja nicht nur uns so, sondern vielen mit Kindern mit Besonderheit und es ist sehr individuell. Doch ist es eben nicht so offensichtlich für andere zusehen, dass Hilfe benötigt wird. Ein gebrochenes Bein ist da viel sichtbarer und auch zeitlich begrenzter. Als betroffenes Elternteil wünsche ich mir Unterstützung und Verständnis für mich als Mutter/Vater, aber auch für mein besonderes Kind und seine Geschwister. Ganzheitliche Therapieansätze seitens des Gesundheitssystem sowie klar erkennbare Unterstützungs- und Hilfemöglichkeiten für uns als Familie. Seitens der Gesellschaft wünsche ich mir Verständnis, Zeit und mal ein hast du Lust auf einen Kaffee, denn sich mal den Frust von der Seele reden tut häufig schon ganz gut.

Gebt als Eltern besonderer Kinder nicht auf. Holt euch Hilfe, wenn ihr sie benötigt. Bleibt hartnäckig bei Ärzten und Therapeuten und fragt gezielt nach, denn ansonsten bekommt man nicht immer die Informationen, die so hilfreich wären.

Als Tante, Onkel, Oma, Opa, Freund oder Freundin bietet eure Hilfe an. Unternehmt vielleicht mal etwas mit dem besonderen Kind, damit die Eltern exklusive Zeit für das/die Geschwisterkind/er haben oder einfach nur durchatmen können. Ladet zum Kaffee ein oder zum gemeinsamen Spaziergang und habt ein offenes Ohr. Seid verständnisvoll und nicht allzu kritisch mit den Eltern, denn das sind auch nur Menschen, die vielfach sich am Rande ihres Leistungsvermögens befinden.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s